Auf dem sehr lesenswerten Transatlantikblog tapmag ist heute ein Interview mit uns erschienen. Schaut mal rein!
Artikel vom ‘März, 2009’
Interview mit uns auf tapmag
Oliver Polak – dürfen Juden das?
Armes Comedy-Deutschland: Mario Barth kann mit seinem “haha – Männer machen das, Frauen machen’s anders”-Schund Stadien und nun auch Kinosäale füllen, während Mathias Richling sich mit aller Kraft bemüht, die deutsche Kabarettkultur auf 7 Tage, 7 Köpfe Niveau hinab zu zerren. Gibt es da überhaupt noch Hoffnung auf Besserung?
Doch doch, die gibt es. Ich hatte gestern Abend das große Vergnügen einer Lesung mit Stand-Up Einlagen von Oliver Polak beizuwohnen. Endlich jemand, der das personifiziert, was die amerikanische Comedylandschaft schon seit Jahrzehnten erfolgreich vorexerziert: der Wert von politisch inkorrektem Humor aus minoritärer Persektive.
Der Philosoph Gilles Deleuze charakterisiert in seinem Kafka-Buch die Wesensmerkmale minoritärer Texte wie folgt: sie nehmen die hegemoniale Sprache und rekontextualisieren sie; sie sind immer politisch; und damit immer zugleich kollektiv1.
Das gilt auch für das Feld der Komik – in den USA gibt es eine lange Tradition von minoritären Stand-Up Comedians, vor allem afro-amerikanischen von Richard Pryor bis Chris Rock, die in ihren Shows das Mehrheitsparadigma aufgreifen und gegen sich selbst wenden. Hierbei werden rassistische Tabus aufgenommen und gebrochen. Schon das Format ist dabei ein politisches: In den frühen Stand-Up-Shows um die Jahrhundertwende (19./20.) traten weiße Künstler als Minderheiten verkleidet auf und verbreiteten abscheuliche rassistische Stereotype. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dieses Genre nun als Plattform für einige der schärfsten Rassismuskritiken dient.
Humor muss dahin gehen, wo es wehtut. Ich finde es unglaublich schade, dass in Deutschland Blödelklamauk so sehr an der Tagesordnung ist. Denn mit ihm wählt man den leichten Weg. Viele hiesige Comedy-Shows laden zum “Ablachen” ein, als ginge es dabei nur um die Entladung einer Zwerchfellspannung.
Der beste und tiefgründigste Humor ist aber der, bei dem das Lachen im Hals steckenbleibt. Polak plappert in seinen Shows nicht irgendwelchen Beziehungskitsch nach. Er verarbeitet vielmehr persönliche Tiefschläge und alltägliche, auch antisemitische Erniedrigungen. Das ist nicht bequem, insbesondere weil seine persönlichen Geschichten nahtlos in den größeren politischen Zusammenhang übergehen. Oder um den alten Slogan der Frauenrechtsbewegung aufzugreifen: Das Persönliche ist politisch.
Polak sagt, der jüdische Humor sei wie der englische, nur weniger böse aber dafür bitterer. In der Tat tun sich hier Parallelen auf – beide befassen sich z.B. mit dem Gefühl der eigenen Minderwertigkeit. Es ist das Gegenteil von Mario Barth: es wird zwar auf geteilte Erfahrung angespielt, aber nicht um einen “ja, ja-kenne ich auch”-Effekt zu erzielen. Es geht einem zu nah, greift in die persönliche Komfortzone ein. Das Lachen kommt nicht aus der Dose, er ist ein emotionales Ventil. Man lacht, um nicht weinen zu müssen.
Die Helden des jüdischen Humors sind also nicht die lächelnden Sunny-Boys, sondern ganz normale, verletzliche Personen in Form des fast schon clichéhaften Großstadtneurotikers, wie Woody Allens exzellenter Film Annie Hall zu deutsch heißt. Populäre jüdische Comedians wie Larry David oder Sarah Silvermann, und nun auch Oliver Polak führen diese Tradition fort. Dabei ist es kein Zufall, dass minoritäre Komik, auch in Sitcom-Form, fast immer autobiographische Züge trägt: als Beispiele seien Seinfeld, Curb Your Enthusiasm, The Sarah Silvermann Program oder Everybody Hates Chris zu nennen.
Die Finanzkrise verstehen
Ich drücke mich schon eine Weile um Artikel zur Finanzkrise herum, denn – da bin ich ehrlich – als angehender Kulturwissenschaftler, der früher regelmäßig den Wirtschaftsteil der Zeitung mit kapitalismuskritischem Verve Richtung Mülleimer befördert hat, brauche ich auf jeden Fall ein bisschen Nachhilfe, um hinter die aktuellen Ereignisse zu steigen.
Da bin ich scheinbar nicht der Einzige. Die Krise wird aber, wie es scheint, leider in absehbarer Zeit nicht vorbeiziehen, daher finde ich es besonders wichtig die Mechamismen dahinter zu verstehen, um nicht in einfache Erklärungsmuster zu verfallen. Leute machen es sich zu einfach, wenn sie, wie viele Kongressdemokraten, die Schuld auf einige wenige Banker schieben, was stark an die ‘bad apples’ Erklärung des Abu Ghraib-Skandals durch Donald Rumsfeld erinnert. Noch weniger ist es angebracht, wie einige konservative Populisten, wen wundert’s, Minderheiten für die Krise verantwortlich zu machen. Und die antisemitischen Verschwörungstheorien, die im Netz gedeihen, sind eh das Allerletzte.
Ich bin auf dieses tolle Video gestoßen, das die Finanzkrise visualisiert. Das will ich euch natürlich nicht vorenthalten:
Noch fehlt ein Senator
So, ich melde mich auch mal wieder zurück und das mit der scheinbar unendlichen Geschichte der letzten Wahl: Dem Duell zwischen Norm Coleman und Al Franken.
Seit dem Recount (zur Erinnerung) führt Al Franken ja bekanntlich mit 225 Stimmen, kann aber nicht in den Senat einziehen, da Coleman gegen das Ergebnis geklagt hat und Gov. Tim Pawlenty und Secretary of State Mark Ritchie das Wahlergebnis solange nicht validieren wie der Prozess dauert (wobei unklar ist, ob sie auch die Berufung abwarten würden).
Britisch-amerikanische Beziehungskrise?
Der Newsweek Journalist Stryker McGuire muss sich in der vergangen Woche ordentlich auf die eigene Schulter geklopft haben – vor nur wenigen Wochen veröffentlichte er einen Artikel, in dem er das Ende der “besonderen Beziehung” zwischen Großbritannien und den USA prophezeiht hat, und jetzt nach dem US-Besuch des britischen Premierministers Gordon Brown haben sich tatsächlich die ersten Risse in den transatlantischen Beziehungen aufgetan. Zumindest wenn man der britischen Presse glauben darf…
Die zeigte sich nämlich geradezu hysterisch ob der Tatsache, dass die von Downing Street schon angekündigte gemeinsame Pressekonferenz von Obama und Brown dann doch nicht stattfinden sollte. Und um die Sache noch schlimmer zu machen, hat Robert Gibbs in der Pressekonferenz das britisch-amerikanische Bündnis als “Partnerschaft” bezeichnet, statt, wie im britischen Sprachgebrauch üblich, als “Beziehung”.
Über Obamas Motive hier kann man nur spekulieren. Und die britische Presse tut bekanntlich nichts lieber als das. Besonders in den Blogs der halbseriösen rechts-konservativen Daily Telegraph scheint dieses Thema nach wie vor an der Tagesordnung zu sein. Da werden die bizarrsten Theorien in den Raum geworfen, zum Beispiel, dass Michelle Obamas Hass auf die weißen Briten schuld sei (natürlich völlig ohne Belege). Das Weiße Haus selbst gibt an, dass Obama müde gewesen sei, was als Grund jetzt auch nicht wirklich sehr überzeugend ist. (weiterlesen…)
Genderneutralität auf amerikanisch
Heute ist Weltfrauentag – und daher nehmen wir ihn als Anlass nach dem Vorbild der taz zu einer Themenreihe über genderpolitische Fragen. Also wenn ihr dazu einen Beitrag habt – und das gilt in diesem Fall natürlich insbesondere für unsere Leserinnen (kleines i) – dann her damit!
Also mal als Einstieg ein kleiner political correctness Knigge für den amerikanischen Gebrauch: wie ihr sicher schon festgestellt habt, bemühe ich mich im Blog darum, mittels des sogenannten Binnen-Is möglichst inklusiv in meiner Sprachverwendung zu sein. Wenn man z.B. auf deutsch von Politikern redet, muss man sich klar machen, dass dadurch Politikerinnen ausgeschlossen werden. Daher sollte diese Form eigentlich nur verwendet werden, wenn es sich tatsächlich um eine Gruppe männlicher Politiker handelt.
Ich garantiere jetzt keine 100%-ige Konsequenz in der Anwendung – und es gibt Formen bei denen es schlichtweg falsch wäre, z.B. ist Demokraten die Übersetzung der gängigen englischen Parteibezeichnung ‘Democrats’. Wenn also von der Partei die Rede ist, heißt es also konsequenterweise ‘Demokraten’; wenn es aber um die Mitglieder geht, ‘DemokratInnen’ (lies: Demokratinnen und Demokraten).
Das Beispiel ist übrigens spannend, weil die demokratische Partei im politischen Diskurs oft als weiblich dargestellt wird, teilweise weil ihre Wählerbasis überwiegend weiblich ist, teilweise weil RepublikanerInnen (you see?) sie als schwach und verweichlicht schmähen wollen, im Gegensatz zum sicheren und handlungsstarken republikanischen Männerideal, wie er insbesondere durch Ronald Reagan verkörpert wurde. In ähnlicher Weise feminisiert Robert Kagan auch Europa, wenn er in Anlehnung an die populäre Geschlechterverhältnisliteratur behauptet: “Americans are from Mars and Europeans are from Venus: They agree on little and understand one another less and less.”
Jedenfalls, in Deutschland geht also die Tendenz eher hin zur sprachlichen Ausdifferenzierung der Geschlechterbezeichnungen, was zu großen Teilen daran liegt, dass es im Deutschen eine Korrespondenz zwischen grammatischem Genus (der, die, das) und Geschlecht gibt – gerade bei Personenbezeichnungen. Im Englishen ist die Tendenz genau umgekehrt. (weiterlesen…)
Wieder am Start
So Leute, ich weiß, wir haben erst mal eine längere Blogpause eingeschoben. Also wollte ich nur schon mal verkünden – wir sind wieder zurück mit neuem Elan und widmen uns ab sofort wieder dem Blog. Es sind auch schon einige neue Features in Planung, und wir sind uns eigentlich recht sicher, dass ihr da Gefallen dran finden werdet.
Die erste Änderung ist, dass ich hieraus einen Real-Name-Blog machen will – schließlich sollt ihr ja auch wissen, wessen Geschreibsel ihr hier lest. Also, mein Name ist Thomas Furlong und ich bin Amerikanist in spe. Ich studiere noch in Köln, aber bin jetzt für eine Weile nach Berlin gezogen und jobbe dort in einer Internet Marketing Agentur. Ursprünglich komme ich aus Brighton im Süden Englands, lebe in Deutschland schon seit meiner Kindheit und habe vor ein paar Jahren auch eine Zeitlang in den USA (Rochester, NY) gewohnt.
Ich blogge über die USA, weil mich das Land trotz oder gerade wegen der vielen Widersprüche immer fasziniert hat. Und weil ich zum Verständnis der komplexen Kultur dieses Landes beitragen will. Mir geht nämlich der plumpe Anti-Amerikanismus von Bush-Bashern nämlich genauso auf die Nerven wie die oft weitgehend unüberlegte Obamanie, die jetzt scheinbar vorherrscht. Die USA, wie fast alles, sind nämlich fundamental simplex – simple Angelegenheiten sind immer komplexer als sie scheinen und Komplexes ist wiederum immer einfacher. Klingt weird, aber es ist normalerweise immer eine Sache von Betrachtungsebenen.
Ich bin daher ehrlich gesagt ganz froh, nicht direkt am Anfang der Obama Präsidentschaft drauflosgebloggt zu haben, denn ganz ehrlich, nach so einem Einschnitt ist es auch wichtig, ein Gefühl für die neue Situation zu gewinnen. Die deutsche und die amerikanische Mediasphäre taumeln auch immer noch etwas hin und her und haben noch keine klare Position zu den neuen Verhältnissen gefunden.
Aber so langsam werden Linien und Strukturen erkennbar, einiges hat sich drastisch geändert, bei anderen Sachen ist der seismische Schock dann doch wieder ausgeblieben. Wir werden sehen, was die Zeit bringt – aber auf jeden Fall könnt ihr wieder auf USA Blogger nah am Geschehen dran bleiben. Wir freuen uns über alle, die dabei geblieben sind, und freuen uns natürlich genauso über alle neue Leser und Leserinnen, die dazu kommen wollen.
Und wenn ihr hier auh mitmachen wollt, oder auch einfach nur mal einen Beitrag bei uns posten wollt, dann mailt mich doch einfach an unter: thomas [at] usa – blogger.de (natürlich umformatieren, ich hab halt keinen Bock durch Massen von Spam zu wühlen…) – Thomas

