Artikel vom ‘Mai, 2009’

Gesine Schwan siegt!

…zumindest wenn in Deutschland das amerikanische Wahlsystem verwendet würde. Dann nämlich hätte Gesine Schwan eine satte Mehrheit der Stimmen bekommen und hätte Horst Köhler auf einem abgeschlagenen zweiten Platz hinter sich gelassen.

Da ich immer noch auf US Wahl-Entzug bin, habe ich mal dieses nette “was-wäre-wenn”-Szenario durchgerechnet. Als Datenbasis habe ich die Ergebnisse der letzten deutschen Bundestagswahl 2005 gewählt, weil das das letzte Mal war, an dem in allen Bundesländern am gleichen Tag abgestimmt wurde.

Ihr erinnert euch bestimmt noch, wie die US Wahl läuft: 538 Wählmänner und -frauen werden entsprechend der jeweiligen Bevölkerungszahl auf alle 50 Bundesstaaten aufgeteilt. Staaten mit größerer Bevölkerung haben also ein größeres Stimmvolumen, so hat z.B. ein großer Staat wie Kalifornien 55 Wahlmännerstimmen und ein bevölkerungsarmer Staat wie Vermont nur 3 Stimmen. Dabei werden die Stimmen nach dem Winner-Takes-All Prinzip vergeben, d.h. dass dem Sieger in eines Staat, auch mit relativer Mehrheit, alle Stimmen des Staates zugesprochen werden. Daraufhin treffen sich diese Wahlleute im electoral college, der Bundesversammlung gar nicht so unähnlich, um dann den Präsidenten oder (in diesem Fall) die Präsidentin zu wählen.

Anhand der Schätzungen des Bundeswahlleiters zu den Wahlberechtigten in jedem Bundesland habe ich den prozentuellen Anteil der wahlberechtigten Bevölkerung jedes Bundeslandes ermittelt und dementsprechend 538 Wahlmännerstimmen verteilt. Das sieht dann so aus:

Wahlberechtigte (in Mio) Bevölkerungs-anteil Wahlleute (gerundet)
Baden-Württemberg 7,7 12,40% 67
Bayern 9,3 14,98% 81
Berlin 2,5 4,03% 22
Brandenburg 2,1 3,38% 18
Bremen 0,5 0,81% 4
Hamburg 1,2 1,93% 10
Hessen 4,4 7,09% 38
Mecklenburg-Vorpommern 1,4 2,25% 12
Niedersachsen 6,1 9,82% 53
Nordrhein-Westfalen 13,5 21,74% 117
Rheinland-Pfalz 3 4,83% 26
Saarland 0,8 1,29% 7
Sachsen 3,5 5,64% 30
Sachsen-Anhalt 2 3,22% 17
Schleswig-Holstein 2,2 3,54% 19
Thüringen 1,9 3,06% 17

So, nun bleibt nur noch der Schritt, den Sieger jedes Bundeslandes zu ermitteln und die Stimmen dann dementsprechend zu verteilen.

Wahlleute Sieger
Baden-Württemberg 67 CDU
Bayern 81 CSU
Berlin 22 SPD
Brandenburg 18 SPD
Bremen 4 SPD
Hamburg 10 SPD
Hessen 38 SPD
Mecklenburg-Vorpommern 12 SPD
Niedersachsen 53 SPD
Nordrhein-Westfalen 117 SPD
Rheinland-Pfalz 26 CDU
Saarland 7 SPD
Sachsen 30 CDU
Sachsen-Anhalt 17 SPD
Schleswig-Holstein 19 SPD
Thüringen 17 SPD

Grafisch sieht das dann so aus:

Man sieht’s glaube ich schon, eine ganz klare Sache. Das amtliche Endergebnis hieße bei dieser Präsidentschaftswahl also:

Gesine Schwan 334
Horst Köhler 204

Eine ziemlich derbe Niederlage also für Köhler, wenngleich er sich nicht ganz so schlecht schlüge wie John McCain.

(weiterlesen…)

Der verschwundene Ex-Präsident

Für alle die sich ebenfalls Fragen was George W. Bush seit der Amtsübergabe so macht (außer, erfolgreich, Spenden für den Bau seiner $300Mio. Bibliothek zu sammeln; $100Mio. hat er schon zusammen), empfehle ich einen Newsweek Artikel von Bill Minutaglio: The Afterlife of George W. Bush.

Er offenbart zwar kaum Überraschungen, aber wenn man George W. Bush zu kennen glaubt, hat man damit wohl auch gerechnet, obwohl ich zugeben muss, dass ich von Cheney erwartete ähnlich diskret unterzutauchen. Das er dies nicht tut sagt wohl auch etwas über die viel spekulierte Einflussverteilung zwischen Bush und Cheney während der 8 Jahre.

Freiheit vs. Schutz

Missouri’s Entscheidung die Helmpflicht für Motorradfahrer größtenteils abzuschaffen (nur noch auf Autobahnen (Interstates) und für Fahrer unter 21), zeigt wie verschieden die Akzeptanz staatlicher Vormundschaft zwischen den USA und Deutschland (Europa) ist und sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat (1975 hatten 47 Staaten generelle Helmpflicht, heute nur noch 20).

Für einen Deutschen ist es wohl auch unverständlich, warum es keine einheitliche Gurtpflicht für alle Plätze des Autos gibt, sondern einzelne Staaten sehr unterschiedliche Gesetzte haben. In New Jersey besteht z.B. für 8-17 jährige Gurtpflicht auf allen Plätzen des Autos, ab 18 darf man dann hinten ohne Gurt sitzen (wie in vielen Staaten); in Georgia müssen Erwachsene hinten ebenfalls keinen Gurt tragen, vorne schon, außer sie fahren einen Pick-Up.

Interessant hierbei, vor allem für Politikbeobachter, ist die Haltung von Floridas Gov. Charlie Crist, der als liberaler Republikaner gilt, vor kurzem aber ein strengeres Gesetzt zur Einhaltung der Gurtpflicht (nun kann die Polizei auch ein Auto anhalten und eine Strafe aussprechen, wenn nur gegen die Gurtpflicht verstoßen wurde / primary law) unterzeichnet und mit folgendem Satz verteidigt hat:

”This bill will save lives. That’s really what’s important,” Crist said. “The most important function of government is to protect.”

ein Satz, den man bei Republikanern sehr oft nur im Zusammenhang mit dem Militär lesen kann..

Natürlich sollte man bei der Thematik nicht den Blick in den Spiegel vergessen, denn ob die rekordverdächtige Anschnallquote von 94% (Vordersitze) und 90% (Rücksitze) (zum Vergleich: F: 97/68, UK: 93/83, Port: 88/25; alle Zahlen aus der ETSC Statistik von 2006) aus einem höheren Sicherheitsbewusstsein oder Obrigkeitshörigkeit zustande kommt ist die Frage