… wünschen euch Thomas und Daniel von USA Blogger. Zum Fest ein passendes Video:
Keine Sorge, dabei handelt es sich um Satire. Nicht unbedingt seitens des Sängers Toby Keith, der das durchaus ernst meinen könnte, hat er uns doch auch schon die faszinierende Line “We’ll put a boot in your ass, it’s the American way” beschert. Aber die Sendung, in der das Lied performt wurde, hat eine klar parodistische Grundhaltung, was man auch an den visuellen Gegenüberstellungen im Clip sehen kann.
Satire oder nicht, auf der amerikanischen Rechten macht sich wie jedes Jahr die Wahnvorstellung eines Krieges gegen Weihnachten breit. Der Vorwurf eines sekulären Angriffes auf das Weihnachtsfest durch liberale Bürgerrechtsorganisationen wie die ACLU gehört zum alljährlichen Standardrepertoire des Fox News Prime-Time Demagogen Bill O’Reilly und ist schon zu einer Festtagstradition wie Egg Nog und Truthahn geworden.
O’Reilly sieht in der Weigerung verschiedener Ketten ihren Kunden “Frohe Weihnachten” zu wünschen, eine liberale Verschwörung, die viel weitreichender ist als die meisten glauben. 2005 sagte er in seiner Show dazu:
See, I think it’s all part of the secular progressive agenda to get Christianity and spirituality and Judaism out of the public square. Because if you look at what happened in Western Europe and Canada, if you can get religion out, then you can pass secular progressive programs like legalization of narcotics, euthanasia, abortion at will, gay marriage, because the objection to those things is religious-based, usually.
Diese These hat er auch dieses Jahr wieder ausgegraben, und wiederholt sie so oft, dass sogar seine eigenen Zuschauer die Story satt haben. Auf der erz-konservativen Meinungsseite des Wall Street Journal wendet Daniel Henninger diesen Gedankengang auf die derzeitige Wirtschaftskrise an. Seine These ist, dass Religion als Basis der Moral nötig ist, um die Exzesse der Wirtschaft zu bändigen. Am Ende des Artikels spitzt er alles auf die Formel, “Feel free: Banish Merry Christmas. Get ready for Mad Max” zu.
Wie Max Blumenthal in einem sehr empfehlenswerten Essay gezeigt hat, entstammt viel von der militanten Rhetorik, die O’Reilly und andere Fox News-Pundits aufnehmen, einem xenophobischen und anti-semitischen Buch des früheren Fortune-Autors Peter Brimelow. Sein Ziel war demnach die Verteidigung eines weißen christlichen “ethnischen Kerns” gegen die Bräuche anderer Religionen.
Was also von der Ausgangslage her nach einer Belanglosigkeit klingt, trifft einen Kernkonflikt im amerikanischem Selbstverständnis: auf der einen Seite herrscht eine Sicht vor, dass die USA ein Land mit fundamental christlichen Wurzeln und christlicher Mehrheitskultur sind, woraus gefolgert wird, dass der Übergang zwischen Staatlichkeit und Religion fließender sein soll. Auf der anderen Seite steht die Sicht, dass Kirche und Staat streng getrennt sein sollen, einerseits um eine zu große Einflussnahme auf den Staat zu verhindern, andererseits als Schutz von Minderheitskulturen im Namen der Multikulturalität.
Natürlich waren die ursprünglichen Siedlerkulturen überwiegend christlich, jedoch gehörte ein großer Teil der Bevölkerung der englischen Kolonien in Nordamerika Minderheitsreligionen an, die in Europa vielfach als ketzerisch oder sektenartig gesehen wurden, daher in ihren Heimatländern an der freien Ausübung ihrer Religionen gehindert wurden. Zum Beispiel waren die ersten Siedler der späteren Kolonie Massachusetts, die 1620 dort landeten, Puritaner, eine Abspaltung der Church of England. Aber auch andere Gruppen kamen aus religiösen Gründen nach Amerika, so zum Beispiel Quäker, die sich besonders in Pennsylvania niederließen, eine grundlegend pazifistische (und damit oft als nicht staatstreu wahrgenommene) englische Denominierung.
Was O‘Reilly hier also macht ist eine ziemliche Verflachung der amerikanischen Geschichtsschreibung: wenn er durch die amerikanische Geschichte einen roten Faden von der Religiosität früher Siedlergesellschaften bis zur heutigen Religionsausübung zu ziehen versucht, missachtet er dabei die Komplexität der damaligen Ausgangssituation. Es handelte sich ja eben nicht um einen monolithischen Christentum, sondern um viele kleine Splitterbewegungen, die erst nach und nach zu größeren Einheiten zusammengewachsen sind.
Dessen waren sich ja eigentlich auch die Gründerväter (founding fathers) bei der Verfassungsgebung durchaus bewusst. Daher befindet sich im ersten Verfassungszusatz der sog. ‘establishment clause‘, der eine Etablierung einer Staatsreligion explizit verhindert. Der Autor der Unabhängigkeitserklärung, Thomas Jefferson, selbst dem Atheismus aufgeschlossen gegenüberstehend, bestand auf einer Trennungswand (wall of separation) zwischen Staat und Religion. Aufgrund dieser Rechtstradition wäre es undenkbar, wie in vielen Teilen Deutschlands, flächendeckenden Religionsunterricht an Schulen einzuführen.
Diese Zweiteilung hat die Entwicklung der amerikanischen Religionen sicherlich nicht geschadet. Da sich die Religion außerhalb der Einflusssphäre des Staates befand, ist sie sehr stark in die Unternehmenskultur eingegangen. Kirchen konkurrieren um ihre Schäfchen mit vielfältigen Mitteln, die auch in der Produktwerbung eingesetzt werden. So kann die USA für ein westliches Land unglaublich hohe Kirchenbesuchsraten und Gläubigkeitsraten vorweisen.
Religiöse Darstellungen auf öffentlichem Gelände sind jedenfalls normalerweise nicht gestattet. Das schließt Darstellungen der biblischen Zehn Gebote, aber auch weihnachtliche Krippendisplays ein. Es gibt hier aber inzwischen einige legale Grauzonen: so kann eine Krippenszene gezeigt werden, wenn sie ausreichend sekuläre Elemente enthält (z.B. Rentiere). O’Reilly hat aber insofern recht, dass es privaten Unternehmen natürlich völlig selbst überlassen ist, ob sie ihre Angestellten instruieren, “frohe Weihnachten” oder “frohe Feiertage” wünschen. Aber ob sich aus der Grußpolitik einzelner Läden wirklich eine Anti-Weihnachtskampagne ableiten lässt, ist wohl jedem selbst überlassen…





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