Kultur der USA

Oliver Polak – dürfen Juden das?

Pappaufstaller von einem Schäferhund mit SS-Mütze und Davidstern Armes Comedy-Deutschland: Mario Barth kann mit seinem “haha – Männer machen das, Frauen machen’s anders”-Schund Stadien und nun auch Kinosäale füllen, während Mathias Richling sich mit aller Kraft bemüht, die deutsche Kabarettkultur auf 7 Tage, 7 Köpfe Niveau hinab zu zerren. Gibt es da überhaupt noch Hoffnung auf Besserung?

Doch doch, die gibt es. Ich hatte gestern Abend das große Vergnügen einer Lesung mit Stand-Up Einlagen von Oliver Polak beizuwohnen. Endlich jemand, der das personifiziert, was die amerikanische Comedylandschaft schon seit Jahrzehnten erfolgreich vorexerziert: der Wert von politisch inkorrektem Humor aus minoritärer Persektive.

Der Philosoph Gilles Deleuze charakterisiert in seinem Kafka-Buch die Wesensmerkmale minoritärer Texte wie folgt: sie nehmen die hegemoniale Sprache und rekontextualisieren sie; sie sind immer politisch; und damit immer zugleich kollektiv1.

Das gilt auch für das Feld der Komik – in den USA gibt es eine lange Tradition von minoritären Stand-Up Comedians, vor allem afro-amerikanischen von Richard Pryor bis Chris Rock, die in ihren Shows das Mehrheitsparadigma aufgreifen und gegen sich selbst wenden. Hierbei werden rassistische Tabus aufgenommen und gebrochen. Schon das Format ist dabei ein politisches: In den frühen Stand-Up-Shows um die Jahrhundertwende (19./20.) traten weiße Künstler als Minderheiten verkleidet auf und verbreiteten abscheuliche rassistische Stereotype. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dieses Genre nun als Plattform für einige der schärfsten Rassismuskritiken dient.

Humor muss dahin gehen, wo es wehtut. Ich finde es unglaublich schade, dass in Deutschland Blödelklamauk so sehr an der Tagesordnung ist. Denn mit ihm wählt man den leichten Weg. Viele hiesige Comedy-Shows laden zum “Ablachen” ein, als ginge es dabei nur um die Entladung einer Zwerchfellspannung.

Der beste und tiefgründigste Humor ist aber der, bei dem das Lachen im Hals steckenbleibt. Polak plappert in seinen Shows nicht irgendwelchen Beziehungskitsch nach. Er verarbeitet vielmehr persönliche Tiefschläge und alltägliche, auch antisemitische Erniedrigungen. Das ist nicht bequem, insbesondere weil seine persönlichen Geschichten nahtlos in den größeren politischen Zusammenhang übergehen. Oder um den alten Slogan der Frauenrechtsbewegung aufzugreifen: Das Persönliche ist politisch.

Polak sagt, der jüdische Humor sei wie der englische, nur weniger böse aber dafür bitterer. In der Tat tun sich hier Parallelen auf – beide befassen sich z.B. mit dem Gefühl der eigenen Minderwertigkeit. Es ist das Gegenteil von Mario Barth: es wird zwar auf geteilte Erfahrung angespielt, aber nicht um einen “ja, ja-kenne ich auch”-Effekt zu erzielen. Es geht einem zu nah, greift in die persönliche Komfortzone ein. Das Lachen kommt nicht aus der Dose, er ist ein emotionales Ventil. Man lacht, um nicht weinen zu müssen.

Die Helden des jüdischen Humors sind also nicht die lächelnden Sunny-Boys, sondern ganz normale, verletzliche Personen in Form des fast schon clichéhaften Großstadtneurotikers, wie Woody Allens exzellenter Film Annie Hall zu deutsch heißt. Populäre jüdische Comedians wie Larry David oder Sarah Silvermann, und nun auch Oliver Polak führen diese Tradition fort. Dabei ist es kein Zufall, dass minoritäre Komik, auch in Sitcom-Form, fast immer autobiographische Züge trägt: als Beispiele seien Seinfeld, Curb Your Enthusiasm, The Sarah Silvermann Program oder Everybody Hates Chris zu nennen.

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Genderneutralität auf amerikanisch

Heute ist Weltfrauentag – und daher nehmen wir ihn als Anlass nach dem Vorbild der taz zu einer Themenreihe über genderpolitische Fragen. Also wenn ihr dazu einen Beitrag habt – und das gilt in diesem Fall natürlich insbesondere für unsere Leserinnen (kleines i) – dann her damit!

Also mal als Einstieg ein kleiner political correctness Knigge für den amerikanischen Gebrauch: wie ihr sicher schon festgestellt habt, bemühe ich mich im Blog darum, mittels des sogenannten Binnen-Is möglichst inklusiv in meiner Sprachverwendung zu sein. Wenn man z.B. auf deutsch von Politikern redet, muss man sich klar machen, dass dadurch Politikerinnen ausgeschlossen werden. Daher sollte diese Form eigentlich nur verwendet werden, wenn es sich tatsächlich um eine Gruppe männlicher Politiker handelt.

Ich garantiere jetzt keine 100%-ige Konsequenz in der Anwendung – und es gibt Formen bei denen es schlichtweg falsch wäre, z.B. ist Demokraten die Übersetzung der gängigen englischen Parteibezeichnung ‘Democrats’. Wenn also von der Partei die Rede ist, heißt es also konsequenterweise ‘Demokraten’; wenn es aber um die Mitglieder geht, ‘DemokratInnen’ (lies: Demokratinnen und Demokraten).

Das Beispiel ist übrigens spannend, weil die demokratische Partei im politischen Diskurs oft als weiblich dargestellt wird, teilweise weil ihre Wählerbasis überwiegend weiblich ist, teilweise weil RepublikanerInnen (you see?) sie als schwach und verweichlicht schmähen wollen, im Gegensatz zum sicheren und handlungsstarken republikanischen Männerideal, wie er insbesondere durch Ronald Reagan verkörpert wurde. In ähnlicher Weise feminisiert Robert Kagan auch Europa, wenn er in Anlehnung an die populäre Geschlechterverhältnisliteratur behauptet: “Americans are from Mars and Europeans are from Venus: They agree on little and understand one another less and less.”

Jedenfalls, in Deutschland geht also die Tendenz eher hin zur sprachlichen Ausdifferenzierung der Geschlechterbezeichnungen, was zu großen Teilen daran liegt, dass es im Deutschen eine Korrespondenz zwischen grammatischem Genus (der, die, das) und Geschlecht gibt – gerade bei Personenbezeichnungen. Im Englishen ist die Tendenz genau umgekehrt. (weiterlesen…)