Metro in Washington DC

Amy Goodman in Berlin

Heute war Amy Goodman, die bekannte amerikanische Grassroots-Journalistin und Gewinnerin des diesjährigen alternativen Nobelpreises, an der Humboldt-Universität in Berlin zu Gast, was ich mir natürlich nicht entgehen lassen wollte. Goodmans Fernseh- und Radiosendung Democracy Now! ist insofern einzigartig, als dass es komplett an großen Firmen vorbei läuft, indem es sich auf ein Netzwerk von lokalen Sendern, Satellitenfernsehen und -radio und dem Internet als Medium verlässt, aber trotzdem in den USA und inzwischen auch international eine enorme Reichweite hat. Dabei versteht sich Goodman als Chronistin der von den Mainstream-Medien vernachlässigten, also der Protestbewegungen und AktivistInnen in und außerhalb der USA.

Amy Goodman an der HU Berlin

Der Abend fing mit ein paar Unstimmigkeiten an: zuerst musste der Raum aufgrund des massiven Andrangs gewechselt werden. Dann wurde Frau Goodman mehrmals von einer nicht ganz geistesgewärtigen Störerin, die sie für Susan Sontag hielt, unterbrochen, die dann etwas unschön des Raumes verwiesen wurde. Aber dann entwickelte sich die Veranstaltung doch zu einer sehr lohnenswerten Sache. Es ist schon recht erstaunlich, dass eine so zierliche, etwas Hippie-haft wirkende Frau eine so toughe, kompromisslose Aura entwickeln kann.

Aber sie hat ja auch schon einiges mitgemacht! Zum Beispiel wurde sie ihren Ausführungen zufolge beinahe in Osttimor von Militärs ermordet, nachdem sie vergeblich versucht hatte, ein Massaker zu verhindern. Oder etwas aktueller, wurde sie trotz gültiger journalistischer Akkreditierung, während der Republican Convention 2008, auf der John McCain zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wurde, grundlos und auf recht ruppige Art festgenommen.

Spätestens als sie diese Anekdoten ausgepackt hat, hing das Publikum an ihren Lippen. Ihr Journalismus lebt auch von dieser Verquickung des persönlichen mit dem politischen. Immerhin hat ihr neues Buch, Standing Up to the Madness: Ordinary Heroes in Extraordinary Times, ja auch die kleinen Geschichten von Widerstand im Alltag zum Thema. Dabei kritisiert sie wie solche Personen von den Medien vereinnahmt und Ihren Vorstellungen entsprechend umgebogen werden. Als Beispiel nannte sie im Vortrag die Nachrufe auf die vor wenigen Jahren verstorbene Rosa Parks, die durch ihre Weigerung 1957 ihren ‘weißen’ Platz im Bus aufzugeben eine neue Ära der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung einleitete. In der Berichterstattung in ihrem Todesjahr 2005 wurde dies laut Goodman (und auch meiner Wahrnehmung damals) als spontaner Akt einer “müden Näherin” gewertet, obwohl Parks aktives Mitglied der Civil Rights Organisation NAACP war.

Natürlich schlägt Goodman dann auch den größeren Bogen zu einer umfassenden Medienkritik, z.B. zitierte sie eine Analyse von FAIR, dass in den zwei Wochen vor Beginn des Irakkriegs nur drei Kriegsgegner in den Hauptnachrichtensendungen auftraten, obwohl eine ganze Reihe Skeptiker zur Verfügung gestanden hätten, von Pazifisten bis hin zu Waffeninspektoren und Generälen im Ruhestand. Sie warf daraufhin den amerikanischen Medien vor, den Krieg mit angefacht zu haben. Das ist inzwischen natürlich nicht mehr allzu umstritten, und einige Medien wie die New York Times haben sich auch für ihre damalige Berichterstattung entschuldigt, aber Goodman war halt schon kritisch als es nicht politisch opportun war.

Die Frau ist natürlich kontrovers, weil sie nicht davor zurückscheut, zu diskutieren, ob die Bush-Regierung faschistisch ist oder den ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger während des Vortrages indirekt als Terroristen bezeichnete. Goodmans unbestechliche journalistische Ethik, ihre breitgefächerte Themenvielfalt und auch ihre interessanten Gäste machen Democracy Now! aber alles in allem zu einer sehr empfehlenswerten Sendung, wo Themen abseits des Mainstreams einen zentralen Platz einnehmen.

4 Kommentare zu “Amy Goodman in Berlin”

  1. #1 Thomas Furlong
    am 13. Dez 2008 um 01:15

    Wenn ich schon die Vorkriegsberichterstattung erwähne, kann ich natürlich nicht umhin, diesen tollen Film von Bill Moyers auf PBS zu empfehlen.

  2. #2 Daniel Grinsted
    am 15. Dez 2008 um 13:18

    Amy Goodmans Rede war wirklich sehr bewegend. Sie ist eine echte Inspiration!

  3. #3 at
    am 15. Dez 2008 um 21:43

    Erstaunlich, dass sich Democracy Now! seit 1996 allein aus Spenden trägt. Aus ihrer Rede ist deutlich hervorgegangen, wie wichtig Grassroot Organisationen sind. Folgender Post geht auch sehr gut auf Goodmans vorgetragene Punkte ein.

    @Thomas: Danke für den Bill Moyers Link!

  4. #4 Frank
    am 22. Mai 2009 um 11:29

    Weiter so, Gruss Frank aus W.

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