Der transatlantische US-Wahlkampf

Als ich einem Freund von mir vor ein paar Wochen erzählte, dass wir einen USA Blog starten wollten, antwortete er etwas ungläubig, dass wir beide, Daniel und ich, doch zur Zeit in Europa sind. Dass ich das schon überhaupt nicht als Einstiegsbarriere wahrgenommen habe, zeigt eigentlich wie stark die Welt in den letzten Jahren informationstechnisch zusammengewachsen ist. Thomas Friedman’s Rhetorik von der sich verflachenden Erde mag ja immer etwas erheiternd anmuten, aber sie trifft die Sache im Kern.

2004 zur Bush-Kerry Wahl wäre es viel schwieriger gewesen, so nah am Alltagsgeschehen der Kampagne dran zu bleiben wie es in diesem Jahr möglich war. Das liegt auch meines Ermessens eigentlich nur sekundär an Entwicklungen in Deutschland (wie die im Vergleich zu 2004 knapp 3x gesteigerten DSL-Verbreitung). Natürlich gab es in diesem Jahr anders als bei der vergangenen Wahl mit Barack Obama einen sympathischen und inspirierenden Kandidaten, der in diesem Jahr alle deutschen Politiker überstrahlt hat.

Es gab eine ganze Reihe von Umwälzungen in der Infrastruktur der amerikanischen Mediasphäre, die zu einer aktiveren Teihabe am politischen Geschehen geführt haben. Der entscheidende Faktor dabei war ganz klar die zunehmende Wichtigkeit des Internets als politisches Medium. Die Saat wurde eigentlich durch die hoffnungsvoll begonnene aber durch einen fabrizierten Skandal frühzeitig beendete Kampagne des Irakkrieggegners und derzeitigen DNC Vorsitzenden Howard Dean gesät.

Sein Kampagnenleiter Joe Trippi verstand es großartig, die damaligen Möglichkeiten des Internets zu nutzen. Zu der Zeit war es eine kleine Revolution, dass das Finanzierungsmodell seiner Kampagne hauptsächlich auf die Zuwendungen junger Wähler von unter $100 beruhte. Neue, enthusiastische Wähler wurden in die Kampagne integriert, z.B. durch das heute etwas aus der Mode gekommene Meetup.com. Die New York Times schrieb beinahe erstaunt ob dieser Entwicklung:

Successful Internet solicitation means more than just starting a Web page, as most politicians did years ago. Rather, it is a tactic intended to keep Internet supporters engaged.

Natürlich wurde das alles nach der Schrei-Affäre als Sturm im Wasserglas gewertet.

Aber 2008 hat sich diese Taktik endlich bewährt. Barack Obamas Kampagne hat gezeigt, dass es möglich ist, eine Kampagne mit geringen Spenden zu bankrollen, und zwar in einer Art und Weise, dass die traditionell besser geölte finanzielle Maschinerie der Republikanischen Partei (GOP) schnell an ihre Grenzen stieß. Diese Wahl war die bei weitem teuerste der amerikanischen Geschichte – die Ausgaben betrugen insg. über 1,3 Milliarden USD, einige Schätzungen gehen von deutlich mehr aus. Dabei machten kleine Spenden von unter $200 Dollar 57% von Obamas gesamtem Spendenaufkommen aus – bei McCain, der insgesamt weniger als die Hälfte von Obamas Einnahmen erreichte, nur 35%.

Dabei hat es Obamas Kampagne vor allem verstanden, die Entwicklung hin zum Web 2.0, also die starke Tendenz zu social networks wie facebook, myspace etc., die damit einhergehende partizipative Kultur der massiv angeschwollenen Blogosphäre und dem freien Zugang zu Video-Material wie bei YouTube effektiv zu nutzen.

Und das ist nunmal der Anknüpfungspunkt, den wir haben, der nicht von der Hand zu weisen ist. Es war mir z.B. während der Wahl möglich, mich durch meine Lieblingsblogs durchzuwurschteln und an ihnen zu partizipieren, in gleichem Maße wie AmerikanerInnen die Nachrichtenbeschallung der jeweiligen Kampagnen und Medienoutlets wahrzunehmen und auf facebook mit amerikanischen Freunden und Bekannten die neuesten News und lustige Sarah Palin-Videos zu tauschen.

Und so komme auch ich zum Bloggen.

Zum Schluss stellt sich natürlich für die neue Administration noch die Frage des Übergangs, wie  SPON-Gastautor Tobias Moorstedt bemerkt:

Aber was macht er nun mit der sozialen Energie – Insider gehen davon aus, dass Obama zehn Millionen E-Mail-Adressen, fünf Millionen Mobiltelefonnummern und vier Millionen Spendernamen gesammelt hat – nun, da die Kampagne vorbei ist und die Regierungsarbeit beginnt? Kann man nach der Wahl zum Regierungs- und Kommunikationsstil des 20. Jahrhunderts zurückkehren, wenn man einmal eine Kampagne aus dem 21. Jahrhundert geführt hat? Kann man Web-2.0-Werte wie Transparenz, Interaktivität und user generated content in den Regierungsprozess integrieren?

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