Obama gesucht

Ich wollte mal herausfinden, wie viel öffentliches Interesse die US-Wahlen in Deutschland eigentlich generiert haben. Zum Teil natürlich aus Eigeninteresse, weil ich ja einschätzen können möchte, wie viele potenzielle Leser unser Blog günstigstenfalls erreichen könnte.

Ein guter Weg, an Zahlen zu kommen, ist Suchvergleiche bei Google Trends durchzuführen. Die von Google ausgegebenen Verhältniszahlen sind zwar recht grob gerundet, aber mithilfe der Trendlinien lässt sich auch optisch ein guter Eindruck der Ausgangslage gewinnen.

Hier ist das Ergebnis eines Vergleiches der Suchen nach ‘obama’ und ‘merkel’ für 2008, beschränkt auf Deutschland. Ich habe eine Ein-Wort-Suche gewählt, weil das Suchvolumen für beide Begriffe erheblich höher ausfällt als für den vollen Namen:

Obama und Merkel im Google Trends Vergleich für 2008

Blau repräsentiert hierbei passenderweise das Suchvolumen für ‘obama’, das für ‘merkel’ wird von der roten Linie dargestellt. Das gibt lt. Google ein Verhältnis von 1:0,4 – wie man schon an der Linienführung ablesen kann, heißt das für ‘merkel’, dass sie nicht nur zur Wahl unten lag, sondern über den gesamten Jahresverlauf hinweg bei den Suchen stark hinterherhinkte. Die wöchentlich gemessenen Zahlen bestätigen diesen Eindruck: 76% des Jahres wurde stärker nach ‘obama’ gesucht, manchmal sogar erheblich, und bei weiteren 13% waren das Verhältnis in etwa gleich hoch, d.h. für nur etwa 11% des Jahres war die Bundeskanzlerin für Google-Suchende aus Deutschland das gefragtere Thema.

Auch noch-Präsident Bush schneidet bei derselben Probe noch recht gut im Vergleich zu Merkel ab. Hier ergibt sich lt. Google ein Verhältnis von 1:1.

Bush und Merkel im Google Trends Vergleich für 2008

Legende: blau='bush', rot='merkel'

Von deutschen Politikern wird Merkel übrigens bei weitem am häufigsten gesucht. Ich habe aber auch die Zahlen anderer deutscher SpitzenpolitikerInnen untersucht. Ich wollte eigentlich die laut ZDF Politbarometer beliebtesten Politiker als Maßstab verwenden, jedoch kamen für folgende PolitikerInnen aufgrund der von Google stark gerundeteten Zahlen im Vergleich mit Obama nur Werte von Null heraus: Steinbrück, Müntefering, von der Leyen, Seehofer, Jung, Westerwelle, Lafontaine und Gysi. Daher habe ich stattdessen die Werte von PolitikerInnen mit denen des kommenden Präsidenten abgeglichen, die 2008 besonders in den Nachrichten waren, und bei denen man daher mit hohen Suchraten rechnen kann. Wenn mir die Namen zu generisch klangen (was ich im Zweifelsfall mit den SERPs abgestimmt habe), bin ich auf den vollen Namen als Suchbegriff ausgewichen:

steinmeier 0,1
ypsilanti 0,2
koch* 0,2
beck* 0,2
köhler* 0,1
roth* 0,1

Wie man sehen kann, gibt es keine deutschen Politiker, die, wohlgemerkt im eigenen Land (!), auf auch nur annähernd so großes Interesse stoßen wie der designierte US-Präsident. Der Vergleich ist fast schon unfair, denn jedeR einzelne aus dieser Liste verliert auch im direkten Vergleich mit John McCain und sogar gegen seine nur wenige Monate im nationalen Rampenlicht stehende Vize, Sarah Palin.

Aber ist das normal? Ist die ganze Welt so von der Obamamanie ergriffen, dass die eigene Politik dagegen langweilig erscheint? Nach einigem Herumprobieren kann ich sagen, eigentlich nicht, z.B. schneiden die Regierungschefs von anderen großen europäischen Ländern wesentlich besser ab:

sarkozy 1,5
brown* 0,6
berlusconi 1,8
zapatero 1,3

Nur der in Großbritannien als eher farblos geltende Brown macht gegen Obama eine schlechte Figur. Dass Obama erheblich besser beim Suchinteresse abschneidet, ist also kein globales Phänomen, obwohl das deutsche Phänomen in kleineren Ländern wie den Niederlanden oder Belgien auch auftritt.

Ich vermute sehr stark, dass sich die Regierungschefs von Ländern mit einem stärkeren Maß an Inszenierung von Staatlichkeit auch besser gegen die Charismazentriertheit des amerikanischen Wahlkampfs durchsetzen können. Die politische Kultur Deutschlands ist traditionell weniger personenbezogen, was stark mit den negativen Erfahrungen des Führerkults zusammenhängt. Außerdem hat Obama Deutschland besucht und eine viel-beachtete Rede in Berlin gehalten (bei der ich übrigens auch anwesend war). Das erklärt zwar das gute Abschneiden zu einem gewissen Grad, aber so ein krasses Übergewicht hätte ich nicht erwartet.

1 Kommentar zu “Obama gesucht”

  1. #1 Republikaner
    am 8. Dez 2008 um 23:04

    Wow, guter Artikel! Du bist einfach der Beste (nach mir). Grüße

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